Wahlanalyse 2017

Angela Merkel galt früher als die Kanzlerin, die schon mehrfach ein gutes Gespür für Stimmungen in der Bevölkerung hatte und deshalb politisch einige Schwenks vollführte, z. B. in der Atompolitik. So blieb sie mehrheitsfähig und erreichte höchste Zufriedenheitswerte.

Jede erfolgreiche Führungskraft, ob in Politik oder in Unternehmen, hat Vorteile, wenn sie über ein solch zuverlässiges Gespür verfügt. Gibt es hier eigentlich “Gesetzmäßigkeiten”, nach denen ein inneres Stimmungsbarometer von Personen in Leitungspositionen funktioniert? Und gibt es Faktoren, die dazu führen, dass einer Leitungsfigur das Grundgespür abhanden kommt? Meine Vorab-Wahlprognose am Wahlsonntag: Ich rechne mit einer Überraschung…

Aus meiner beraterischen Sicht ist es wünschenswert, wenn Führungskräfte (und also auch Politiker) mit ihren  Mitarbeitern (Wählern) innerlich verbunden sind. Dabei ist es hilfreich, wenn Tatsachen — und dazu gehören durchaus auch Stimmungen wie Sorgen, Bedenken, Widerstände — anerkannt und klar gesehen werden. Eine Führungskraft muss dazu nicht mit den Mitarbeitern einer Meinung sein. Es ist aber erforderlich, dass sie abweichende Meinungen aufrichtig würdigt.

Systemisch gesehen entsteht also Verbundenheit durch Anerkennung. Umgekehrt dürfen wir schließen, dass jegliches Ausblenden (ein “Nicht-Sehen-Wollen” oder “Nicht-Wahrhaben-Wollen”) zu Opposition und Widerstand führt. Was sollten wir hieraus im Hinblick auf das Wahlergebnis 2017 schlussfolgern? Und was können Führungskräfte daraus lernen?

Erinnern Sie sich noch an das “Wir schaffen das!” von Frau Merkel? Problematisch war hierbei einerseits, dass Frau Merkel nicht auf das Was und das Wie eingegangen ist (also sehr vage blieb), und andererseits, dass sie diesen Satz in einem erstaunlich trotzigen Ton gesprochen hat, also letztlich in Opposition zu größeren Teilen der Öffentlichkeit.

Zwar hat sie letzlich in der Flüchtlingspolitik eine deutliche Kehrtwende vollzogen, jedoch ohne ihre anfängliche Haltung selbstkritisch zu hinterfragen. Die großen Medien haben es ebenfalls versäumt, sie nach Widersprüchen zu befragen (etwa: “Wenn sich 2015 keinesfalls wiederholen darf, sehen Sie dann ihre damalige Entscheidung in einem kritischen Licht?”)

Denkt man streng logisch, müssten eigentlich die Merkel-Kritiker und die Gegner der offenen Grenzen heute sagen: “Also gut, Frau Merkel hat ihre Meinung geändert bzw. die tatsächliche Politik ist heute anders als 2015.” Die Opposition gegen ihre Politik müsste demnach allmählich abnehmen oder verstummen. Genau das Gegenteil ist aber der Fall.

Der Grund: Frau Merkel hat den dritten Schritt vor dem zweiten getan. Sie hat ihr Handeln de facto korrigiert, gleichzeitig aber verbal darauf beharrt, dass ihre früheren Entscheidungen”richtig” oder “alternativlos” gewesen seien. Es fehlt als zweiter Schritt das aufrichtige, selbstkritische Hinschauen auf Schritt eins. Wer so verfährt, dem kommt zwangsläufig ein großer Teil der Anhänger abhanden.

Die Folge wird meiner Meinung nach eine Überraschung beim Wahlergebnis sein. Auch ohne großen Wahlforschungsaufwand und entgegen der meisten Umfragen darf man aus den oben beschriebenen Zusammenhängen schließen, dass die Union ein historisch niedriges Wahlergebnis einfahren wird und sich die Opposition in Proteststimmen äußern wird. Ursache ist letzlich — so sehe ich es als systemischer Berater — Frau Merkels innere Haltung (mangelnde Verbundenheit), die eine solche Gegenstimmung verstärkt hat.

Wie wäre es anders gegangen? Ganz einfach: Den erforderlichen Zwischenschritt einbauen, nämlich wahrnehmen und “aufrichtig eingestehen, was ist”, nämlich Sorgen in der Bevölkerung, die Heterogenität der Zugewanderten, unterschiedliche Werteverständnisse, Irritationen bei europäischen Nachbarn, eigene Fehleinschätzungen und Fehler.

Führungskräfte in Unternehmen können aus diesem Beispiel lernen. Letztlich sind es quasi mathematische Wechselwirkungen, die sich relativ leicht vorhersagen lassen, sofern man die systemischen Zusammenhänge kennt. Führungskräfte und Unternehmensleitungen können also “vorsorgen”, wenn sie wollen, dass Mitarbeiter und Kunden bei ihnen bleiben.

Meine Vorhersage um 15.50 Uhr am Wahlsonntag: CDU/CSU: unter 35 % – SPD: unter 25 % – AfD: um 15 % – FDP: um 10 % – Linke: um 10 % – Grüne: um 7 %. Schauen wir mal, ob die Vorhersage funktioniert…

 

  1. ChiaSen from Taiwan:

    Very insightful election analysis 2017,
    and I believe you were very correct about
    the “surprise…” Glad to see you’re
    writing again!

    Kommentar by ChiaSen — 18. Oktober 2017 @ 03:36

© 2020 · kramerkom · Interkulturelle Kommunikation · Thomas F. Kramer · Cologne, Germany · Phone: +49 (0)221-48 27 53