Wertedebatte um die Homo-Ehe

Gleichgeschlechtliche Partner: Erosion tradierter Werte? - Foto: © tfk

Sind traditionelle Familienwerte in Gefahr?

Gesellschaftliche Werte können wichtige Leitlinien für menschliches Verhalten sein. Seit Jahren gibt es eine öffentliche Diskussion darüber, ob man homosexuellen Paaren gleiche Rechte zugestehen sollte. Deutschland hat sich für das Rechtsinstitut der „Eingetragenen Lebenspartnerschaft“ entschieden. Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts bewegt sich seit geraumer Zeit in Richtung Gleichstellung mit der Ehe. Kritiker sehen darin einen Verfall traditioneller Werte.

Ich befasse mich als Berater und Coach immer wieder mit Wertefragen und habe mir die Argumentation von Gleichstellungsgegnern einmal angeschaut. Exemplarisch sei Dr. Michael Bertrams genannt, der ehemalige Präsident des NRW-Verfassungsgerichtshofs. Bertrams kritisiert in einem Zeitungskommentar das Bundesverfassungsgericht, dieses  habe eine „Erosion tradierter Werte“ eingeleitet. Ist das so? Geht es um Werte? Befinden sich diese in einem Wandel?

Ehemaliger NRW-Richter kritisiert Bundesverfassungsgericht

Eine Weiterentwicklung des Rechtsrahmens für homosexuelle Paare und deren Kinder wird von einer großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung befürwortet. Innerhalb der Politik, der Kirchen und bei einzelnen öffentlichen Meinungsträgern gibt es allerdings auch die Befürchtung, dass traditionelle Familienwerte ins Wanken geraten könnten. Die gegenwärtige Rechtsangleichung stelle einen „problematischen Wertewandel“ dar, warnen Kritiker wie Michael Bertrams.

Dr. Bertrams beklagt im Zusammenhang mit der rechtlichen Gleichstellung homosexueller Paare und deren Familien eine „fragwürdige Runderneuerung gesellschaftlicher Werte“. Aber welche Werte sind gemeint? Michael Bertrams bleibt die Antwort schuldig. Partnerschaftliche Verantwortung und elterliche Fürsorge kann es sowohl in traditioneller Familienkonstellation als auch in Regenbogenfamilien geben.

Dem Kritiker geht es um den Schutz seiner Moral

Mein Eindruck: Es geht Bertrams nicht wirklich um Kritik an einem Werteverfall, sondern um den Schutz seiner traditionellen Moralvorstellungen, aus denen er ableitet, dass „Familie“ aus Mann und Frau sowie aus „klassisch“ gezeugten Kindern zu bestehen habe.

Bertrams Stichworte „Samenspende und Reagenzglas“, „Leihmutter“ und „Adoption“ zeigen, dass er eine Ungleichheit dort sieht, wo moderne Familien nicht seiner Moral entsprechen. Aus vermeintlicher Ungleichheit möchte er eine rechtliche Ungleichbehandlung ableiten. Ich bin froh, dass das Bundesverfassungsgericht dieser alt hergebrachten Interpretation nicht mehr folgt.

Familie ist dort, wo Eltern Verantwortung übernehmen

Es mag sein, dass die Väter und Mütter des Grundgesetzes die Vielfalt der heutigen Familienkonstellationen noch nicht vor Augen hatten. Ja: Ehe und Familie haben eine Bedeutung für die Gesellschaft. Aber: Ehe kann es auch zwischen zwei Männern und zwei Frauen geben. Und: Familie ist überall dort, wo Eltern Verantwortung für Kinder übernehmen. Das haben die Bevölkerungsmehrheit und das Bundesverfassungsgericht längst verstanden und fordern deshalb gleiche Rechte für Lebenspartner und Kinder.

Nicht die Werte haben sich gewandelt, sondern das Familienbild

Moderne Regenbogenfamilien leben und bewahren genau die Werte, deren angebliche „Erosion“ Dr. Bertrams beklagt. Was sich gewandelt hat, sind also nicht die Werte selbst, sondern das Familienbild. Zum Glück für alle  Beteiligten sind immer weniger Menschen bereit, ihre Gefühle von Liebe und Zuneigung an vorgegebenen Moralvorstellungen festzumachen. Sie leben miteinander in Würde und Verantwortung. Dadurch bleibt uns viel menschliches Leid erspart. Das deutsche Recht sollte darauf Rücksicht nehmen.

Wie halten es unsere Nachbarn mit der Homo-Ehe?
Mehrere europäische Länder, darunter die Niederlande, Belgien, Dänemark und Spanien, haben die traditionelle Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet. Das heißt, dort gibt es nur wenige oder gar keine Rechtsunterschiede, wenn beide Partner das gleiche Geschlecht haben. In einigen Staaten mit Ehe-Regelung für Homo-Paare ist noch das Thema Adoption strittig.

 

Wieso ist Adoption für einige Homo-Paare ein wichtiges Thema?
In der Realität geht es nur in wenigen Fällen um die Adoption eines zuvor fremden Kindes. Meist besteht der Wunsch, dass ein Partner/eine Partnerin das leibliche Kind des jeweils anderen adoptieren möchte, so dass für die Partner und Kinder bei Fragen der Erziehung, beim Sorgerecht und im Erbfall Rechtsgleichheit mit traditionellen Ehen herrscht.

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