Ein 11. September in Berlin

Ist Multikulti gescheitert? Ich erlebe eine Realsatire

Während sich Berlin im Wahlkampf befindet, verbringe ich den sonnigen Vormittag in einem Straßencafé im bürgerlichen Stadtteil Wilmersdorf und lese Zeitung. Wenige Tage zuvor waren in Neukölln und Kreuzberg zwei mutmaßliche Terroristen festgenommen worden. Sie verkehrten in einem islamischen Kulturzentrum, dessen Leitung allerdings nicht im Verdacht der Polizei stand.

Ich lese weiter, dass Thilo Sarrazin das Wahlprogramm seiner Partei SPD zum Thema Integration kritisiert. Die Partei ignoriere, so Sarrazin, „dass es innerhalb der Einwanderer Gruppen gibt, die sich systematisch unterschiedlich zur Gesellschaft öffnen und deshalb auch unterschiedliche Integrationserfolge haben.“ Mit meinem Gegenüber entwickelt sich eine Diskussion. Er ist Einwanderer, stammt aus dem muslimischen Kulturraum und findet, dass Sarrazin mit einigen seiner Thesen durchaus Recht habe.

Monologe statt „bella famiglia“

Unterdessen nimmt am Nebentisch eine italienische Familie Platz. Eltern, Kinder und ein deutscher Freund der Familie sprechen ein Gemisch aus Italienisch, Deutsch und Englisch. Der Deutsche entpuppt sich als Oberlehrer und erklärt den italienischen Kindern monologhaft das Vorhandensein von dunkler Materie im Weltall, das Funktionieren eines Flugzeuges und die schwierigen Bedingungen beim Besteigen des Mount Everests. Die Kinder sind nur mäßig interessiert, aber das hält den Deutschen nicht von seinen Vorträgen ab.

Ein Bier trinkender Iraker

Zwei südländisch aussehende Herren unterbrechen ihren Sonntagsspaziergang und setzen sich an einen weiteren Nachbartisch. Meine Begleitung kann sie wegen ihres arabischen Akzents als Iraker identifizieren. Einer der beiden bestellt sich ein Bier, der andere eine Cola. Auf Arabisch unterhalten sie sich über die Leihfahrräder der Deutschen Bahn und äußern die Meinung, dass die Israelis unter einem Minderwertigkeitskomplex litten. Meine Begleitung schmunzelt über den schnellen Themenwechsel. Nachdem der eine Iraker sein Bier zur Hälfte ausgetrunken hat, ziehen die beiden weiter. Der Biertrinker hält eine Plastiktüte in der Hand mit der deutschen Aufschrift: „Na klar, alkoholfrei in der Schwangerschaft!“

Multikulti lebt – zumindest an diesem Sonntag

Es ist ein friedlicher Tag in Berlin. Ich denke an die Probleme von Neukölln und Kreuzberg, die deutsche Integrationsdebatte und die Ereignisse in New York vor zehn Jahren. Ich denke an den Einsturz des World Trade Centers. Einige Jahre zuvor stand ich einmal auf der Aussichtsplattform des einen Turms. Da tippte mir jemand auf die Schulter und fragte mich: „Excuse me, are you from Cologne?“ All das wirkt weit entfernt und doch so nah. Multikulti – einerseits Sehnsucht nach Harmonie mit der Welt – andererseits bezugloses, beliebiges Nebeneinander. Der Alltag sieht anders aus. Beziehung heißt  Auseinandersetzung, Ringen um die Regeln, nach denen das gemeinsame Leben, Handeln und Arbeiten funktionieren soll. Doch das ist ein Thema für den Alltag, nicht für diesen Sonntag, 11. September 2011.

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